Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern
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Peter Sloterdijk |
| Bild: Suhrkamp Verlag |
| © Isolde Ohlbaum |
Peter Sloterdijk entwirft in seinem Buch Du mußt dein Leben ändern eine grundlegende und grundlegend neue Anthropologie. Den Kern seiner Wissenschaft vom Menschen bildet die Einsicht von der Selbstbildung alles Humanen.
In Du mußt dein Leben ändern beschreibt Peter Sloterdijk den Menschen als Übenden, als sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen. Die Aktivitäten des Menschen wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter, die Kommunikation auf den Kommunizierenden, die Gefühle auf den Fühlenden.
Die ausdrücklich übenden Menschen verkörpern diese Existenzweise am deutlichsten: Bauern, Arbeiter, Krieger, Schreiber, Yogi, Rhetoren, Instrumentalvirtuosen oder Models. Ihre Trainingspläne und Höchstleistungen versammelt Du mußt dein Leben ändern zu einer vergnüglich-instruktiven Lektüre von den Übungen, die erforderlich sind, ein Mensch zu sein.
Peter Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern - Über Anthropotechnik
In seiner Einleitung Zur anthropotechnischen Wende schreibt Peter Sloterdijk: “Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt - das Gespenst der Religion.”
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Landauf, landab werde uns versichert, nach längerer Abwesenheit sei die Religion unter die Menschen der modernen Welt zurückgekehrt, man tue gut daran mit ihrer neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen.
Anders als das Gespenst des Kommunismus, der im Jahr 1848, als sein Manifest erschien, kein Wiederkehrer war, werde der aktuelle Spuk seiner wiedergängerischen Natur vollauf gerecht.
“Die Mächte des alten Europa haben sich zu einer pompösen Willkommensfeier verbündet - auf ihr versammeln sich ungleiche Gäste: der Papst und die islamischen Gelehrten, die amerikanischen Präsidenten und die neuen Kremlherren, alle Metterniche und Guizots unserer Tage, die französischen Kuratoren und die deutschen Soziologen.”
Vom alten unbedingten Vorwärts seien nur noch müde Reste in Gebrauch: “Es fehlt nicht mehr viel, und die letzten Hoffnungsheger aufklärerischen Stils ziehen sich aufs Land zurück, als wären sie die Amish der Postmoderne.”
Europäische Aufklärung - Experiment auf schiefer Ebene
Überall auf der Welt werde weiterhin kräftig geglaubt, nur bei uns habe man die Ernüchterung verherrlicht. Peter Sloterdijk: “Warum sollten allein die Europäer metaphysisch Diät halten, wenn der Rest der Welt unbeirrt an den reich gedeckten Tischen der Illusion tafelt?”
In Du mußt dein Leben ändern will Peter Sloterdijk zeigen, dass eine Rückwendung zur Religion ebensowenig möglich ist wie eine Rückkehr der Religion: “Weil es keine ‘Religion’ und keine ‘Religionen’ gibt, sondern nur mißverstandene spirituelle Übungssysteme.”
Es sei inzwischen möglich, den Teil des ethischen Diskurses, der kein Geschwätz sei, in anthropotechnischen Ausdrücken zu reformulieren: “Wenn aber der Mensch tatsächlich den Menschen hervorbringt, so gerade nicht durch die Arbeit und deren gegenständliche Resultate, auch nicht durch die neuerdings viel gelobte ‘Arbeit’ an sich selbst, erst recht nicht durch die alternativ beschworene ‘Interaktion’ oder ‘Kommunikation’: Er tut es durch sein Leben in Übungen.”
Als Übung definiert Peter Sloterdijk jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird, sei sie als Übung deklariert oder nicht.
“Nicht nur der ermattete homo faber, der die Welt im Modus ‘Machen’ vergegenständlicht, hat seinen Platz im Zentrum der logischen Bühne zu räumen, auch der homo religiosus, der sich mit surrealen Riten an die Überwelt wendet, darf den verdienten Abschied nehmen. Gemeinsam treten Arbeitende und Gläubige unter einen neuen Oberbegriff. Es ist an der Zeit den Menschen als das Lebewesen zu enthüllen, das aus der Wiederholung entsteht. Wie das 19. Jahrhundert kognitiv im Zeichen der Produktion stand, das 20. im Zeichen der Reflexivität, sollte die Zukunft sich unter dem Zeichen des Exerzitiums präsentieren.”
Webhinweise:
Peter Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern - Leseprobe (pdf)
faz.net - Rezension - Der Dreizehnkampfrekordhalter
Peter Sloterdijk im Gespräch mit dem Magazin für politische Kultur Cicero (Januar 2009, Auszug):
Seit zwei Jahrzehnten schreibe ich Bücher, in denen der Kartenhaus-Charakter unserer Weltkonstruktion dargestellt wird, die durchwegs auf Krediten bei der Zukunft beruht. Hierfür habe ich verschiedene Metaphern bemüht. Ich habe von dem Kristallpalast gesprochen, der unsere Lebensentwürfe in eine zerbrechliche Hülle einfasst. Ich habe von Schneeballsystemen gesprochen, die dem Selbstbetrug von Zinsenjägern zugrunde liegen, ich habe in meinem vorletzten Buch “Zorn und Zeit” über “Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen” gehandelt.
Es war nicht schwer zu prognostizieren, was früher oder später geschehen musste. Ich bin einer unter tausend Autoren, die im Augenblick überhaupt nicht überrascht sind. Wenn Sie die zeitgenössische Literatur überblicken und in den Zeitungen der vergangenen zehn Jahre blättern, sehen Sie: Es gibt sehr viele, die den Inflationsschwindel bemerkt hatten und jetzt, übrigens bemerkenswert untriumphal, feststellen, sie hätten seit Jahren vorhergesagt, was aktuell geschieht.
Die Handelnden auf dem Gebiet der Finanzmarktspekulation leben völlig außerhalb der Hörweite der analytischen Intelligenz. Sie sind von ihren Spielen berauscht und haben keine freien Kapazitäten für alternative Gedanken. Soviel ich weiß, nahmen sich auch die Konquistadoren keine Zeit für Ethikseminare.
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