Kann man ohne Sprache denken?
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Sprache ist die flüssige Substanz unseres Bewusstseins. Sie begleitet uns nicht nur im Austausch mit anderen, der Kommunikation, sie ist die Materie, die dem Denken Form verleiht, denn sie wirkt auch in der Stille der Gedanken.
Von Gunhild Simon - blog1.institut1
Spätestens seit Kaspar Hauser ist eine Frage in den Mittelpunkt des Interesses gerückt: Wie verhält sich Sprache zum Denken?
Gibt man den Dingen eigene Namen, oder kann man auch ohne Begriffsbildung denken? Wie funktioniert das? Bei Sprache assoziiert man zunächst Verständigung mit anderen. Hier sind Vereinbarungen über Begriffe unabdingbar. Wie aber steht es im Problemlösungsverhalten des Einzelnen? Welche Rolle spielt hier die gedachte Sprache?
Sprache als Mittel des Denkprozesses
Laut denken, Selbstgespräche führen, vor sich hin brabbeln. All das sind Indizien für Denken in Worten. Sprache ist das Mittel, um Denkprozesse zu erfahren, zu produzieren, darzustellen, zu vermitteln.
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Beschreibbare Sprache unterteilt sich in zwei Bereiche: die gesprochene und geschriebene Sprache, das Gespräch und den Text.
Zunächst liegt die Annahme nahe, Text sei nur eine andere, eine fixierte Form des gesprochenen Wortes. Dieser Vorgang ist jedoch komplexer. Denn Mündlichkeit unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten als Schriftlichkeit.
Das gesprochene Wort ist ein flüchtiger Gegenstand. Es findet Ausdruck im Austausch mit anderen. Das ist ein flexibler Prozess, der vielfältige andere – nonverbale – Verständigungsmittel enthält. Er ist, anders als das Produkt Text, als ein interaktiver Vorgang zu begreifen.
Texte sind von ihrer Gesamtintention produktorientiert, das gesprochene Wort prozessorientiert.
Sprache als Zeichensystem
Sprache ist ein Zeichensystem – Begriffe, Symbole, Definitionen, die vereinbart und vermittelt sind. Je komplexer der Sachverhalt, desto differenzierter das System.
Sprache ist einerseits Kommunikationsmittel – bezogen auf das Gegenüber, den Adressaten, andererseits ist sie das System zum Auffassen, Ordnen, Abwägen, Strukturieren, Analysieren, Bewerten von Gedanken.
Sprache ist nicht nur ein bewusster Prozess, auch das Unterbewusstsein bedient sich ihrer, denn auch Träume haben mehr als nur Bildqualität.
Kommentare
6 Kommentare zu “Kann man ohne Sprache denken?”
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Den oben geäußerten Thesen will man im ersten Moment uneingeschränkt zustimmen. Trotzdem bleiben einige Fragen offen.
Es gibt z.B. einige Bewußtseinszustände, die eindeutig sprachfern erscheinen, allerdings durch eine übergroße mentale Wachheit gekennzeichnet sind (z.B. extreme Gefahrensituationen, peak experiences nach maslow, meditative Zustände, etc.). Die Sprache kommt bei ihnen erst im Nachhinein in´s Spiel - nämlich dann, wenn man die Erfahrungen sich selbst oder anderen beschreiben will. Trotzdem sind während (!) dieser Zustände durchaus kognitive und logische Leistungen möglich - also doch ein “Denken ohne Sprache”?
Weiterhin scheint Sprache auch immer wieder wie ein Filter zu wirken, der die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit einschränkt - wie eine farbig getönte Brille, die unsere Wahrnehmung der Umwelt modifiziert und bestimmte Gegenstände hervorhebt und andere verschwinden läßt: Wir können nur wahrnehmen und denken, was wir sprachlich beschreiben können. Dummerweise kann ein erwachsener Mensch im normalen Wachbewußtsein diese Brille nicht einfach absetzen. Das läßt aber den Schluß zu, daß die menschliche Wahrnehmung ohne diese Brille umfassender sein könnte, wie es z.B. bei oben genannten Zuständen zu sein scheint. Entwicklungspsychologisch gibt es ja präverbale Lebensphasen mit eigenen kognitiven Fähigkeiten (siehe Piaget): Auch Babys, die noch nicht sprechen können, sind nicht dumm. Demnach könnten grundsätzlich auch transverbale kognitive Fähigkeiten möglich sein - also Formen der Kognition jenseits des sprachgestützten Denkens. Dies nur mal als Hypothese.
Ich möchte nicht missverstanden werden.
Gesprochene Sprache, das Verbale, ist eine Besonderheit menschlicher Kommunikation. Die verbale Verständigung ist eine kommunikative Möglichkeit, und in der Tat die am feinsten und effektivsten strukturierbare.
Dass kleine Kinder vom ersten Moment ihres Erdendaseins kommunizieren und sich für ihre Erwachsenen - und wohl für jeden feinfühligen oder offenherzigen Artgenossen - verständlich machen müssen, ist eine Voraussetzung ihres Überlebens. Dass bestimmte Laute auch bei uns Menschen den Pflegetrieb auslösen, können Mütter bestätigen, deren Milch bei dem Greinen eines Kätzchens, in einer offenbar verwandten Frequenz wahrgenommen, einschießt, obwohl sie dies kaum bewusst gehört hatten.
Ich will nicht bestreiten, dass Sprache sich in vielerlei Facetten abspielt. Ich bin allerdings der Ansicht, dass differenziertes Denken mit einer entsprechend differenzierten verbalen Sprache korreliert, will man seinen Gedanken Ausdruck verleihen.
Die menschliche Sprache ist ein System, das nicht nur Dinge, Wesen und Tätigkeiten benennt, Eigenschaften beschreibt, Abstrakta wie moralische Kategorien zueinander ins Verhältnis setzt. Die Leistungen der verbalen Sprache sind hochkomplex, bedenkt man z. B. die grammatische Vielfältigkeit des Verbs, das mit Person, Tempus, Modus und Genus verbi Handlungsebenen miteinander verwebt, die ohne dieses Zeichensystem schwerlich darstellbar sind.
Die Sprache gilt nicht umsonst als das Blut des Geistes. Nur durch die sprachliche Umsetzung kann eine abstrakte Ahnung zur Gewissheit geschmiedet werden. Ohne unsere Sprache wären wir zwar sehr wohl kognitiver Leistungen fähig, aber wir selbst wüssten nichts davon. Wir wäre Gefangene in einem indifferenten Kosmos konturloser Gedankenformen, unfähig unser reiches Inneres im Äußeren zu verankern. Unsere Fähigkeit zur Artikulation ist von allen Gaben und Begabungen das Wertvollste, was je ein Mensch erhielt.
Höchst erstaunlich sind die Beobachtungen, die man an Kleinkindern beim Erwerb der Muttersprache, dem Erstspracherwerb, machen kann. Dabei bedarf es keiner optischen Unterstützung wie bei uns Erwachsenen, die wir uns ohne Schriftbild kaum ein neues Wort merken können. Alles Lernen beruht auf Nachahmung in Ton und Satzmelodie. Da wird bisweilen etwas aufgeschnappt und weitergegeben, Blüten, die amüsant sind, aber ein wenig ratlos machen:
Zwei dreijährige Mädchen auf Dreirädern. Die, die in Führung war, ermahnte unerbittlich ihre Gefährtin mit gestreng-krähender Tantenstimme nicht zu überholen: “Immer nur eine zur Zeit! Immer nur eine zur Zeit!”
Ich vermute, dass die Autoritätserfahrung aus der Kindergartensituation (wo nicht durcheinandergeredet werden darf), auf die Selbstbehauptung im familiär-freundschaftlichen Kontext übertragen wurde in der offensichtlich erfolgreichen Annahme, dass sie sich bewähren würde.
Sprache ist etwas Wunderbares. Aber es gibt auch eine andere Ebene, die z.B. in der Meditation erfahren wird. Die Erfahrung der tiefen Meditation (Samadhi) ist jenseits von Sprache. Hier erfaehrt der Mensch absoluten Frieden und Wonne. Es ist ist also manchmal (nicht immer !!) ganz gut den Intellekt abzuschalten. Vor allem frueh morgens und abends. Auch in der Musik schalten wir den Intellekt ab (oder versuchen es zumindest…) und entspannen uns dadurch. OM.
konkret/abstrakt
es fehlt m. e. noch dieser dualismus: abstrakt/konkret.
für eine katze oder ein kleinkind ist z. b. ein auto ein konkretes ding, hart, stinkt, spendet schatten etc.
für den erwachsenen ist das auto abstrakt, mit einem meer von bedeutungen, symbolfunktionen, konnotationen etc., die erst durch sprache möglich sind.