Die Integration – so versöhnlich wie zweischneidig
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Integration |
| Bild: Klausi |
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Einer Studie zufolge (Umfrage zur Lebensqualität in 75 europäischen Städten, die die EU-Kommission im Juli 2007 in Brüssel veröffentlichte) empfinden viele Bürger, besonders deutscher Großstädte, die Integration von Ausländern als unzureichend.
Von Gunhild Simon - blog1.institut1
Angesichts des Rückzugs einerseits, der Verdrängung andererseits gerade der Fremden, die nicht explizit der westlichen Welt entstammen, sowohl in Ausländerghettos wie auch in buntgemischte Multi-Kulti-Viertel, verstärkt sich die Trennung der Kulturen, die die Verständigung und den Austausch erschwert und behindert.
Es ist zweischneidig, das Wort Integration. Denn es bezeichnet sowohl das Ergebnis des Sich-Integrierens als auch das des Integriert-Werdens und Integriert-Seins. Dieser Prozess vollzieht sich auf verschiedenen Handlungsebenen und hat unterschiedlich agierende Subjekte, nämlich diejenigen, die aufnehmen, und die, die sich einfügen.
Herkunft und Bedeutung des Wortes Integration
Integration geht zurück auf das lateinische Wort integratio, Erneuerung, (Wieder)-Herstellung eines Ganzen.
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Darin steckt das vielschichtige Adjektiv integer, unangetastet, unberührt, rein, unbefleckt, unbescholten, unbestechlich, redlich, das sich auf das altgriechische entagros, unberührt zurückführen lässt. Da sich integer ebenso von tangere, berühren ableitet, ist die Verwandtschaft zu intactus, intakt unverkennbar.
Im Deutschen hat das Fremdwort Integration seinerseits eine Vielzahl von Bedeutungen, weil es ein Begriff ist, der verschiedenen Sparten zugehörig ist: Allgemein bedeutet es Zusammenschluss, Vereinigung, daneben hat es spezielle Aussagen in der Politik, Soziologie, Wirtschaft, Mathematik, Informatik und Linguistik. Das dazugehörige Verb lautet integrieren, von lateinisch integrare, wiederherstellen, ergänzen. Es bedeutet auch im Deutschen auf der allgemeinen Ebene vervollständigen, zu einem Ganzen bilden.
Integration auf der sozioökonomischen Ebene, die wir hier betrachten, bezeichnet die Bildung eines Ganzen, die Einbindung von Fremdem und vice versa die Einfügung und Verschmelzung des Fremden in das Vorgefundene. Die entsprechenden Gegenbegriffe lauten Desintegration, Ausgrenzung, Isolierung, Abschottung, Abkapselung, Isolation. So wird das Ziel von Integration deutlich: Sie strebt ein systemisches Ganzes an, indem dessen Teile zusammengefügt und zusammengehalten werden. Integration grenzt von einer unstrukturierten Umgebung ab. Ihre Aufgabe ist gesellschaftliche Minderheiten wie Immigranten und Arbeitsmigranten einzubeziehen und einzubinden. Dieser Entwurf ist folglich wechselseitig zu verstehen.
Gesellschaftliche Integration von Minderheiten
Über die Möglichkeiten und Wirklichkeiten von gesellschaftlicher Integration gehen die Meinungen weit auseinander.
Die einen beklagen, dass von der Integrationsproblematik nur Türken und Araber betroffen seien, da sie nur ungenügenden Rückhalt in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit fänden, weil diese Gruppe sich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit und in der Folge ihrer kulturellen Werte von der westlichen Gesellschaft so grundlegend unterscheide, dass sie Parallelwelten aufbaue, um den Druck der »kollektiven Mehrheitsidentität« zu unterlaufen.
In der Tat, diese ethnischen Gruppen haben größere Anpassungs- und Akzeptanzprobleme als Arbeitsmigranten aus der westlichen Welt, deren Verkehrssprache beispielsweise Englisch ist, insbesondere weil sie überwiegend hochqualifizierte Arbeit ausüben, etwa in der IT-Branche.
Die anderen stellen fest, dass die Lebensform der westlichen Welt nur aufgrund festgeschriebener Machtverhältnisse und gesellschaftlicher Zwänge zementiert sei. Daraus ihre kulturelle Überlegenheit abzuleiten sei ein Denkfehler, der die historische Tatsache vernebele, dass diese Vormachtstellung auf einer »Gewaltordnung« beruhe. Diese Einschätzung läuft darauf hinaus, dass Integration schlechthin weder möglich noch machbar sei. Danach finde ein Mischung von Kulturen gar nicht statt. Im Gegenteil, es bildeten sich eigene Kulturen zwischen den Kulturen aus. Der prominenteste Vertreter dieser These ist der kürzlich verstorbene Frankfurter Soziologie-Professor Karl Otto Hondrich:
»Es gibt keine Vermischung der Kulturen. Das ist ein ganz eigenartiges Phänomen. Wenn Gesellschaften zusammenrücken, egal, ob wir das begrüßen oder als Problem empfinden, dann stellen wir sogar fest, dass die Grenzen eher schärfer werden. Wenn wir also sehen, dass Deutsche und Türken durch mehr Bande (Tourismus, Geschäftsleute, die Türken als Arbeiter) verbunden sind als früher, dann stellen wir fest, dass gerade in dieser Annäherung doch auch die Unterschiede der Kulturen sich stärker abzeichnen.«
Je stärker die Produktivität einer Gesellschaft, desto geringer wird ihre Reproduktivität. Dies ist eine soziologische Feststellung. Sie bedeutet, dass die Kinderzahl mit zunehmender Qualifizierung und wirtschaftlichem Wachstum sinkt. Das schlägt sich auch nieder in der Statistik der Kinderzahlen des Immigrationslandes Deutschland – nämlich im Verhältnis zwischen sinkenden Kinderzahlen der Deutschen und wachsenden der Arbeitsmigranten und Einwanderer. Diese Feststellung beunruhigt die Deutschen. Sie befürchten ihrerseits Majorisierung, Isolation und Ausgrenzung. Um in dieser Problematik nicht reglos zu verharren sind Entscheidungen zu treffen, um die Kluften nicht zu vertiefen, sondern zu überbrücken. Die Lösung liegt demnach auf der Hand: Sie liegt in Qualifizierung und Bildung.
»Deutschland ist ein Integrationsland. Unser Augenmerk liegt in besonderer Weise auf den Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen. Wir wissen seit Langem: Bildung ist der Schlüssel für individuelle Lebenschancen und Teilhabe am ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Leben.« (Annette Schavan, Ministerin für Bildung und Forschung)
Ist die Sprache in Gefahr gebeugt zu werden?
Die Problematisierung der Integration und Desintegration legt auch die Frage nach den Auswirkungen auf die Sprache nahe. Untersuchungen aus binationalen Ehen haben ergeben, dass sich Sprachen nicht vermischen, dass Sprachgrenzen respektiert werden. Demnach ist die »Kanak-Sprak«, eine absichtliche Vermischung einer fremdem Sprache, hier des Türkischen mit der deutschen, ein eigenes Phänomen. Sie ist ein Symbol der Abgrenzung. Es handelt sich um die Selbstdarstellung eines Teils der Jugend, die ihre eigene Identität herzustellen versucht. Sie grenzt sich bewusst nach zwei Seiten ab: Ihrer Elterngeneration gegenüber ist sie unangepasst, gleichaltrigen Deutschen setzt sie Eigenes, Unnachahmliches und Identitätstiftendes entgegen.
Kann Integration gelingen?
Integration, wenn sie gelingen soll, hat zur Voraussetzung, dass Teile unserer Gesellschaft sich nicht abkapseln, dass Lasten gerecht verteilt werden. Um Minderheiten zu integrieren bedarf es einer Mehrheit, die dies verkraftet. Dies betrifft den Verkehr, die Geschäfte, die Wohnungen, die Bildungseinrichtungen, die Sprachumgebung. Jeder Mensch hat ein ursprüngliches Bedürfnis danach, produktives Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, akzeptiert zu sein, etwas zu leisten und gebraucht zu werden. Deshalb muss er die Chance haben, für sich und die Seinen eine positive Perspektive aus seiner Lebenssituation zu entwickeln. Überwiegen Ausgrenzung und Fremdheit, werden neue Ballungen in Ghettos die Folge sein.
Kommentare
2 Kommentare zu “Die Integration – so versöhnlich wie zweischneidig”
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Die Integration – so versöhnlich wie zweischneidig…
Viele Bürger, besonders deutscher Großstädte, empfinden die Integration von Migranten als unzureichend.
»Deutschland ist ein Integrationsland. Unser Augenmerk liegt in besonderer Weise auf den Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen. Wir wissen seit Langem: Bildung ist der Schlüssel für individuelle Lebenschancen und Teilhabe am ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Leben.« (Annette Schavan, Ministerin für Bildung und Forschung)
Selten so gelacht. Wie bildet man denn jemanden, der mit 10 Jahren noch kein Deutsch redet und null Bock auf Schule und Arbeit hat?
Das ökonomische und soziale Leben arabischer und türkischer Jugendlicher in Berlin scheint all zu oft H4, aufgebessert durch Straftaten zu sein. Zehn Einträge und mehr ins Erziehungsregister bei einem 16 Jährigen sprechen eine deutliche Sprache, oder?