Wirklichkeit und Täuschung - Pressestimmen Finanzmarktkrise
![]() |
| Bild: KoS public domain |
“Wir sind mitten in der schlimmsten Finanzkrise seit den 1930er Jahren”, warnte der weltbekannte Finanzier George Soros in seinem neuesten Buch, das Platzen der Superblase stehe bevor. Das Ende der Finanzmärkte - und deren Zukunft: Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet (The New Paradigm for Financial Markets: The Credit Crisis of 2008 and What it Means) beschreibt die Ursachen des Debakels, gravierende Fehler der Bänker und warum die Kreditkrise noch lange nicht ausgestanden ist.
Soros nennt seine zentrale ökonomische Theorie das Konzept der Reflexivität. Die Annahme, Finanzmärkte seien selbstkorrigierend und tendierten zum Gleichgewicht, sei falsch. Markteilnehmer würden ihre Entscheidungen nicht auf Wissen basierend treffen, stattdessen gebe es Wechselwirkungen zwischen Fakten und individuellen Wahrnehmungen, die er mit Reflexivität benennt.
Dem gegenüber steht die von vielen Ökonomen vertretene Theorie der rationalen Erwartungen. Hiernach kann die Wirtschaft wie ein naturwissenschaftliches Ereignis betrachtet werden, Ursachen haben vorhersehbare Wirkungen, Märkte korrigieren sich selbst, sie tendieren in Richtung Gleichgewicht.
George Soros hält die Theorie der rationalen Erwartungen für gefährlich. Zum einen wegen der Gewissheiten, die sie unterstellt, zum anderen weil sie selbst für die gegenwärtige wirtschaftliche Krise ursächlich sei.
Soros hingegen ist überzeugt, dass die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Anleger Ergebnisse ändern. Märkte lägen oft falsch, die Ergebnisse seien immer ungewiss.
Zwei Beispiele:
1. Menschen kaufen Aktien in Erwartung künftiger Aktienkurse, aber diese Preise sind Bestandteil ihrer Erwartungen.
2. Kreditgeber erweitern Kredite basierend auf dem Glauben an den Wert der unterliegenden Sicherheiten, doch die Kreditvergabe selbst kann den Wert der Sicherheiten vermindern.
Ständige Wachsamkeit der Investoren, Kreditgeber, politischen Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden - vor allem in Hinblick auf die Höhe der Hebelwirkungen im Finanzsystem - sei geboten.
Bezüglich der Strategien für Investoren schlägt Sorros vor, einen Ansatz zu wählen, der Verzerrungen zu indentifizieren versucht, “ertragreiche Täuschungen”, den Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch die Marktteilnehmer.
22.09.2008 | 20:35 Uhr
Börsen-Zeitung: Regulierung richtig dosieren!
Leitartikel von Markus Frühauf (Auszüge)
Der US-Staat schnürt ein 700 Mrd. Dollar schweres Rettungspaket. Hinzu kommen die von Instituten weltweit vorgenommenen Wertberichtigungen über gut 500 Mrd. Dollar. Die Flucht der beiden letzten reinen Investmentbanken in das deutlich schärfer regulierte Geschäftsmodell der Universalbanken kommt einem Offenbarungseid gleich: Nicht nur weil Goldman Sachs und Morgan Stanley wegen der kaum noch vorhandenen Refinanzierungsmöglichkeiten keine Perspektiven mehr für ihr altes Geschäftsmodell sahen, sondern weil sie auch eine strengere Regulierung bewusst in Kauf nehmen.
Die größte Gefahr ist eine regulatorische Überreaktion. Sie bestraft auch die Banken, die aufgrund ihres strikten Risikomanagements den Exzessen fernblieben, und schränkt die Wachstumsmöglichkeiten ein. Ein zu strenges Aufsichtsregime birgt die Gefahr, den Regulator zu überfordern. Die Marktteilnehmer würden sich möglicherweise zu sehr auf die Aufsicht verlassen, ähnlich wie vor der Krise auf das Urteil der Ratingagenturen. Eigene Risikobeurteilung muss aber unerlässlich bleiben. Auch dies ist eine Lehre der Krise, sich nicht nur auf externe Einschätzungen zu verlassen.
Die regulatorische Aufarbeitung von Krisen hat einen entscheidenden Nachteil: Sie erfolgt a posteriori. Deshalb schützt sie nicht vor künftigen Krisen, denen im Finanzsektor in der Regel spekulative Übertreibungen vorausgehen. Vor den Fehlern, die die Banken begangen haben, warnt bereits jedes Lehrbuch für Bankkaufleute. Die eigenen Risikostandards sind im Rausch missachtet worden. Hier hat die Krise ihren Anfang genommen, und hier müssen zuerst interne Sanktionen greifen. Die Vergütung muss die in Kauf genommenen Risiken widerspiegeln. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass der Markt selbst der strengste Regulator ist. Das Ende der Wall-Street-Häuser hat seine Ursache im Misstrauen der Investoren. Die Banken müssen deren Vertrauen aus Eigeninteresse selbst zurückerobern. Eine richtig dosierte Regulierung kann dabei hilfreich sein, eine Überdosierung ist es nicht.
22.09.2008 | 20:13 Uhr
Westdeutsche Zeitung: Finanzkrise
von Anette Ludwig (Auszüge)
Investmentbanker und Hedge-Fonds-Manager haben jahrelang ohne wirksame Kontrolle an den Finanzmärkten rund um den Globus gezockt und dabei Milliardengewinne und Millionen-Gehälter eingestrichen. Und jetzt, da das System wie ein Kartenhaus zusammengestürzt ist, sollen die Steuerzahler die teure Suppe auslöffeln? Die USA haben diese Entscheidung getroffen und sind dabei, ein milliardenschweres Rettungspaket zu schnüren. Das hat die internationalen Märkte beruhigt und für Beifall gesorgt.
Doch jetzt sucht Washington nach Verbündeten, die die teure Rettung mit bezahlen sollen. Die führenden Industrienationen aus dem G7-Kreis haben einem solchen Ansinnen eine klare Absage erteilt. Dieses psychologische Signal ist wahrscheinlich die wirksamste Art, künftig Fehlspekulationen einzudämmen.
Waghalsige Finanzjongleure können nicht auf den Staat hoffen. Einen deutschen Rettungsfonds muss es auch deshalb nicht geben, weil die Situation hierzulande ganz anders ist als in den USA. Die Politik hat sich dafür entschieden, notleidende staatliche und halbstaatliche Institute einzeln zu stützen. Den privaten Banken geht es ohnehin besser als ihrer US-Konkurrenz.
22.09.2008 | 20:01 Uhr
Allgemeine Zeitung Mainz: Wie die Dinosaurier
Kommentar zur Finanzkrise (Auszüge)
Der Untergang der großen Investmentbanken an der Wall Street erinnert frappierend an das Ende der Dinosaurier. Denn die mächtigen US-Institute gehen ebenso wie die Giganten der Urzeit an sich selbst zu Grunde. Die Art und Weise, wie dort Geschäfte gemacht wurden, ist Kernursache für das Finanzfiasko, das wir seit Monaten erleben.
Die USA sind zwar noch immer die mächtigste Nation der Welt, weil es nach wie vor keine Volkswirtschaft mit einer höheren Potenz gibt. Sie ist aber auch das Land mit der gewaltigsten öffentlichen Verschuldung. Egal wer nach dem 4. November im Weißen Haus regiert, er wird sich darüber Gedanken machen müssen, wie Gottes eigenes Land diese Last schultern kann.
Auf den Rest der Welt wird er dabei kaum zählen können, das zeigen schon die ablehnenden Reaktionen der übrigen Industrienationen, vor allem der Europäer, auf das Ansinnen des US-Finanzministers, dass auch andere Länder sich an der Rettungsaktion für die Wall Street beteiligen sollen. Das wird zwar nicht das letzte Wort sein, denn dazu ist das globale Finanzsystem viel zu verwoben. Aber es ist ein deutliches Zeichen des Selbstbewusstseins der Europäer, die einmal mehr darauf verweisen können, dass es zum Beispiel ihre Vorstellungen von Eigenkapital-Vorgaben für Banken sind, die Katastrophen verhindern helfen, wie sie die Wall Street jetzt heimsuchen.
Kommentare
Schreibe einen Kommentar

